E1 von Göteborg zum Nordkap

63. Tag 29.6.22 von Ljøsnåvollen nach Marenvollen

Beim Start am morgen ist der Himmel trüb und grau. Die halbe Nacht habe ich schlecht geschlafen. Ständige Gedanken um die schwierigen Wege und das Wissen das ich solche Verhältnisse nicht lange durchhalten werde können. Das erste Mal habe ich Sorgen das es zu viel wird und Gedanken an ein mögliches Aufhören schleichen sich ein. Da passt der Himmel zu meiner Stimmung. Kurz sehe ich Leila und Stine und wir erzählen uns das wir alle um 9.00 Uhr im Bett waren weil uns der gestrige Tag so geschafft hat. Dann gibts auch noch Schwierigkeiten beim Bezahlen und die zwei wollen mir die Übernachtung unbedingt schenken. Ich bin dermaßen gerührt das mir einfach die Worte vor lauter Dankbarkeit fehlen. Eine Geste die mir das Herz erwärmt aber zu den Zweifeln der Nacht irgendwie passt. Wir stellen fest das sich unsere Wege hier trennen und verabschieden uns herzlich.

Na ja, aber erstmal gehe ich los und versuche den Tag positiv anzugehen. Ich weiß das es 28km bis zur nächsten Hütte sind die ich schaffen will damit ich in Røros viel Ruhezeit habe. Erstmal ändert sich nicht viel, jede Menge Sumpf, Steine, Felsen und Mücken und die beißenden Verwandten die Knotts. Ich habe die Weste an damit ich am Körper etwas Ruhe vor ihnen habe. Irgendwie haben es von den kleinen Tieren gestern welche unter das Unterhemd geschafft und Bauch und Rücken schauen wie ein Streuselkuchen aus. So langsam geht meine Salbe gegen das Jucken zur Neige und Nachschub erhalte ich erst in gut zwei Wochen. Es passt halt alles zusammen wenn man emotional in einem Loch hängt.

Wieder ein ähnliches Bild
Eine Verbindung von einem See zum anderen
Später lese ich das das zur Bergbaugeschichte von Røros gehört
Orchideen im Sumpf

Nach etwa 9 km kommt dann plötzlich ein Spazierweg daher.

knapp 2km pure Erholung für Körper und Geist
und danach 3km lang diese Straße

vorbei an Fliegenfischern, hier ist einiges los

Das wäre eine Übernachtungsmöglichkeit, aber das waren bis dahin erst 12km.

Das hier ist jetzt Gebiet wo die südlichsten Samen ihr Winterquartier mit ihren Rentierherden beziehen. Deshalb die Straßenanbindung und viel offene und halboffene Flächen. Im 17./18. Jahrhundert waren das Weideflächen und Bauernhöfe zur Versorgung der Minenarbeiter in Røros.

Dann gehts den Berg hinauf aufs Fjell und so langsam klart der Himmel auf und die Sonne lässt sich blicken und das hebt die Stimmung beträchtlich.

Am Berg oben wird nicht nur der Blick zurück möglich sondern auch der Blick nach vorne tut sich auf. Im wahrsten Sinne des Wortes. Fantastische weite Aussichten und auch die Felsen und großen Steine lasse ich hinter bzw unter mir.

an diesen Seen bin ich am Vormittag lang gewandert
Der Blick nach unten

Ich bin immer wieder überrascht das genze Hänge nass und sumpfig sind. Man sollte doch meinen das Wasser fließt nach unten und oben wäre es etwas trockener.

unscheinbarer Fußabdruck

Aber, ich habe bestimmt eine Slapstickeinlage hingelegt. Es gab nämlich keinen Untergrund und ich bin mit dem einen Fuß bis zum Knie in Zeitlupe eingesunken. Da helfen Stöcke nichts mehr und ich habe mich schön langsam komplett auf die Seite gelegt. Es ist alles nass und weich, weh habe ich mir nicht getan. Der Rucksack tut sein Übriges und ich musste erst mal schauen das ich da wieder rauskam. Rucksack abschnallen und dann auf allen vieren versuchen sich zu befreien. Ihr könnt euch sicher vorstellen wie ich ausgeschaut habe. Zu diesem Zeitpunkt war die Sonne schon da und es ist alles recht schnell trocken geworden und der Torf bröselt dann von allein ab, Dreck ist keiner übrig geblieben und ich sah danach noch menschlich aus.

Drei lange An -und Abstiege mit Flussüberquerungen waren zu meistern. Aber trotz dieser Anstrengungen, das sind Herausforderungen die ich meistern kann. Die Selbstachtung steigt mit dem Sonnenstand und die grandiose Landschaft tut ihr Bestes .

leider bringen Smartphoneaufnahmen das nicht so richtig zur Geltung

Aber dieser Anblick hat mich regelrecht geflasht. Vorbei waren Sorgen und Selbstzweifel und obwohl immer noch 8km zu gehen waren, war ich glücklich das erleben zu dürfen, einfach unbezahlbar und ich bin bestimmt eine Viertelstunde in der Sonne im Wind gesessen und habe den Anblick bei einer Tasse Kaffee genossen. Da oben gibt es die lästigen Mücken auch nicht mehr.

Ich habe dann beschlossen das ich auf jeden Fall draußen im Zelt essen und schlafen will und nicht in einer Hütte gehe. Dieses Gefühl der Freiheit wollte ich mir erhalten.

Ich habe tatsächlich einen trockenen Platz an einem kleinen Bach gefunden.

Es kommt nicht so rüber, aber kurz neben meinem Zelt war ein Abhang und ich saß beim späten Abendessen wie auf der Bühne eines Amphitheaters mit der Landschaft im Halbrund vor mir
eingehüllt in Regenjacke gegen die Mücken habe ich das Wolkenschauspiel genossen

Dann hatte ich auch noch kurz Empfang von Nachrichten. Leila und Stine hatten sich über meinen Blog gemeldet und wollten mir in Røros unbedingt ein Essen spendieren.

Ein Tag mit unglaublichen Emotionen hat ein Ende genommen und obwohl ich fast 11h gebraucht habe und echt müde und geschafft war, war ich einfach nur zufrieden und glücklich.

Das ist jetzt einmal ein sehr persönlicher Eintrag in meine Gemütsverfassung geworden, aber es läuft nicht immer alles so leicht dahin.

E1 von Göteborg zum Nordkap

61./62. Tag 27./28.6.22 von Svukuriset über Røvollen nach Ljøsnåvollen

In der Nacht hat es mal wieder ordentlich geregnet und da war der Zeltabbau wieder difzieler. Nachdem es extrem viel Mücken gibt war ich ihnen nach dem Innenzeltabbau mehr oder weniger schutzlos ausgeliefert . Mit langer Hose und Regenjacke mit aufgesetzter Kapuze stößt man auch ständig an der Zeltwand an. Die Viecher sammeln sich hauptsächlich am höchsten Punkt.

ein wenig ist zu erahnen wie das ist

Frühstücken kann ich im Aufenthaltsraum das ist dann entspannt. Voll angezogen mache ich mich auf den Weg . Ich befinde mich im Femundsmarka Nationalpark der neben dem drittgrößten See Norwegens dem Femunden liegt. Weite Abstände zwischen Bäumen und mit Steinen und Felsbrocken übersäte Wege.

Die Bäume werden weniger
Wie sie es nur schaffen dem ständigen Wind standzuhalten

Es geht bergauf und plötzlich ist der Blick auf die andere Seite frei

Bis zu den Seen sind es 5km

Von oben sah es gar nicht so dramatisch aus, aber die Abstände zwischen den Seen hindurch ziehen sich. Dann wird es natürlich sumpfig und ich steige ins Tal hinab. Inzwischen bin ich ja was Mücken und ihre kleinen Ausgaben betrifft, so einiges gewohnt. Aber was jetzt folgt habe ich noch nicht erlebt. Der Mund muss zu bleiben sonst hast gleich ein paar Exemplare verschluckt. Sie kriechen in die Nasenlöcher und Ohrmuscheln. Es sind auch kleine Fliegen dabei. Das Gesumme macht einen ganz kirre. Ich habe alles was noch frei war mit dem Mückenmittel eingerieben. Das hilft eigentlich ganz gut, aber der kleinste Fleck der vergessen wird , wie z.B. Nägel und die Haut am Nagelbett da sind sie gleich dicht an dicht. Inzwischen bin ich an einzelnen Stellen vollkommen zerstochen .

Laut zeternd begleiten die einen für lange Zeit

Es waren nur 28km aber bei diesem Untergrund habe ich trotzdem bis zum Nachmittag gebraucht. Dann bin ich bei meiner ersten unbewirtschaftetrn DNT Hütte angekommen und der gekaufte Universalschlüssel kommt zum Einsatz. Das ist schon ein riesiges Schloss.

Am späteren Nachmittag treffen noch 4 Frauen ein. Zusammen spielen wir das Würfelspiel Yankze. Ansonsten sind sie eine lustige Truppe die 1x im Jahr eine mehrtägige Wandertour unternehmen. Jede holt eine Flasche Wein (in Plastikflaschen) aus dem Rucksack. Natürlich unterhalten wir uns über Preise und Steuern auf Alkohol. Normalerweise trinken sie selten aber wenn sie von ihren Familien weg sind dann gehört der Wein dazu. Trotz der hohen Steuern ist der Alkoholkonsum ein Problem in Norwegen und Corona hat es deutlich verschärft. Wenn ich es richtig verstanden habe, hatte der Staat letztes Jahr im 1. Quartal schon soviel Steuern eingenommen wie im ganzen Jahr vorher. Eine der Damen hat sich dss Knie verletzt und sie geht morgen mit einer Freundin zum See und fährt mit dem Schiff zum Ort wo ihre Autos stehen. Die anderen zwei gehen den gleichen Weg wie ich weiter. Ich werde aufgeklärt, dass das ein überaus harter Tag werden wird, weil noch mehr Felsen und Sumpf kommen. Später kommt noch ein Mann der uns erzählt das er für dieses Stück 9h gebraucht hat. Ein ausuferndes Gewitter tobt sich am Abend aus und ich bin um das feste Dach über dem Kopf super froh.

In der Früh bin ich die erste die losmarschiert. Der Herr hatte nicht zu viel versprochen, ein überaus zeitaufwändiger Weg erwartet mich. Das alles nass ist macht es auch nicht leichter.

Ein Damm

Ausblicke vom Damm

Die zwei Damen holen mich nach 3,5h ein. Frustriert beobachte ich wie leichtfüßig sie über die Felsbrocken gehen. Mutter und Tochter ziehen an mir vorbei. Zwischendurch hole ich wieder auf.

Bei den steinigen Aussichten heißt es Fassung bewahren
Nichts als Steine, auch der Weg ist manchmal schlecht zu finden und zweimal verliere ich die Route für kurze Zeit

Plötzlich sehen wir einen einzelnen Wolf in etwa 80m Entfernung vor uns durch die Steinwüste laufen . Bestimmt fünf Minuten können wir ihn beobachten. Nach etwa 14km wird der Weg einfacher und führt als leichter Trampelpfad an einem See, der sogar teilweise einen Sandstrand hat, entlang.

zum Baden bleibt keine Zeit

Dunkle Wolken ziehen auf, der für nachmittags angesagte Regen kündigt sich an.

Eine richtige Flussquerung steht an. Das hier ist einer der 3 Arme die zu durchwaten sind

Irgendwann sind auch diese 23km geschafft. Ich habe fast 10h gebraucht . Nachdem ich vorher gewusst habe was mich erwarten wird war es gar nicht so schlimm. Ich war einfach darauf eingestellt. Von weitem habe ich schon Kuhglocken läuten hören und das Bild erinnert tatsächlich ein wenig an eine Alm in den Bergen.

Nur um es einmal anzusprechen, fließendens Wasser gibt es für gewöhnlich nirgends. Man holt es sich meistens aus den naheliegenden Bächen. Dort habe ich heute auch ein Bad genommen. Natürlich hat mich der Regen unterwegs wieder ordentlich erwischt, begleitet mit wirklich starkem Wind und das alles auf einem langgezogenen Bergrücken. Der Regen war nach 30 Minuten rum der Wind bläst in freier Bahn immer. Das hat dann den Vorteil, dass die Mücken weg sind. Seit sechs regnet es schon wieder ununterbrochen, zelten wenn ich müsste wäre echt… So sitze ich, eingewickelt in die Bettdecke in einem kleinen Häuschen das ich ganz für mich alleine habe. Morgen ist die Strecke bis zur nächsten Hütte, dieses Mal wieder unbewirtschaftet noch etwas länger. Leichter wird es wieder nicht. Da bin ich froh das ich übermorgen nach Røros auf einen Zeltplatz komme und einen Ruhetag mit Stadtbesichtigung einlegen werde.

Das habe ich dann auch dringend nötig